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10 Dinge, die Du jetzt über Mobilität und Verkehr wissen solltest


1. Globale Mobilität hat Licht- und Schattenseiten

In der modernen Welt ist Mobilität ein Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung sowie eine Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Das eigene Zuhause, Familie, Freunde und Freundinnen und der Arbeitsplatz liegen oftmals nicht am gleichen Ort. Mobilität bietet die Möglichkeit, die Welt zu entdecken, Wissen auszutauschen, verschiedene Arten der Fernbeziehung zu pflegen. Gleichzeitig führt die heutige Mobilität zu einem Verlust von Freiheit. Wir sind gehetzt und stehen im Stau. Die Massenmotorisierung mit fossilen Brennstoffen belastet unsere Umwelt und Gesundheit. Die Hypermobilität großer Teile der Gesellschaft führt zu massiven Problemen, unter denen viele Menschen leiden. Oftmals sind das gerade jene Menschen, die selbst am wenigsten an dieser Mobilität teilhaben. Das ist doppelt ungerecht. Etwa gegenüber den Menschen im globalen Süden, die besonders verletzlich gegenüber dem Klimawandel sind. Oder gegenüber Menschen hier in Deutschland, die in schlecht lärmgeschützten Wohnungen an vielbefahrenen Hauptstraßen wohnen.


2. Der Verkehrssektor hängt beim Klimaschutz hinterher

Viele Menschen sind sich der Tatsache bewusst, dass es für die Umwelt, das Klima und die Menschen schädlich ist, wenn fossile Energieträger verfeuert werden. Egal ob Kohle im Hochofen oder Öl in Verbrennungsmotoren, – beides muss massiv reduziert werden, um den menschengemachten Klimawandel noch eindämmen zu können.  Im Energiesektor sind die Emissionen in den letzten Jahrzehnten gesunken, im Verkehrssektor aber nicht, sie haben sogar leicht zugenommen. In Deutschland stammen rund 20 Prozent der Treibhausgas-Emissionen aus dem Verkehr, über 90 Prozent kommen vom Straßenverkehr, also Autos und Lastwagen. Die gute Nachricht ist, dass große Teile des Straßenverkehrs technisch einfach „dekarbonisiert“ werden können. Das heißt, man kommt da auch gut ohne kohlenstoffhaltige (Kohlenstoff = Carbon) Energieträger in Bewegung.


3. Nachhaltige Mobilität ist mehr als ein Elektroauto..

Man kann Verkehrswende nicht darauf verkürzen, dass bei den Autos der Antrieb gewechselt wird. Wenn die gut 48 Millionen Autos in Deutschland mit Strom fahren würden anstatt mit Benzin und Diesel, wären die vielfältigen Probleme des heutigen Verkehrssystems nicht gelöst. Dann gäbe es immer noch verstopfte Straßen und Plätze. Es wäre laut, gäbe weiterhin zu viele Unfälle, und eine Unmenge von natürlichen Ressourcen würden bei der Herstellung und der Entsorgung von Autos verbraucht. Menschen, die für eine Verkehrswende sind, wollen, dass die Mobilität von Menschen und Gütern ganz anders als heute organisiert wird. Sie sagen: „Verkehrswende ist mehr als eine Antriebswende.“ Es kommt darauf an, Verkehr auf umweltfreundliche Verkehrsmittel zu verlagern, Transporte zu bündeln und durch digitale Vernetzung Verkehr zu verringern.


4. …aber Elektromobilität ist ein wichtiger Baustein für mehr Klimaschutz

Am meisten bekannt sind Elektroautos, also Autos mit Elektromotor und Akku. Elektroautos haben schon heute eine bessere Klimabilanz als Verbrenner. Und das eben auch, wenn man alle Arten der Emissionen einberechnet. Das sind die sogenannten „vorgelagerten“ Emissionen, die Emissionen aus dem Betrieb und bei der Entsorgung bzw. dem Recycling. Vorgelagerte Emissionen fallen zum Beispiel bei der Batterieherstellung an. Batterieelektrische Antriebe sind eine Möglichkeit Strom direkt zu nutzen. Je mehr Ökostrom im Produktionszyklus eines Elektroautos zum Einsatz kommt, umso besser. Eine andere Form der Elektromobilität sind Brennstoffzellen-Antriebe oder strombasierte Kraftstoffe. Strombasierte Kraftstoffe sind chemisch mit dem bekannten Benzin, Diesel oder Kerosin identisch, können also in Verbrennungsmotoren genutzt werden. Man braucht aber sehr viel Strom, um sie herzustellen. Strombasierte Kraftstoffe sollen deshalb nur da getankt werden, wo es keine klimaschonende Alternative gibt, wie zum Beispiel im interkontinentalen Flugverkehr.


5. Lebenswerte Städte sind für Menschen, nicht für Autos gemacht

Kopenhagen gehört laut dem „Global Liveability Index 2019“ der Denkfabrik Economist Intelligence Unit zu den zehn lebenswertesten Städten der Welt. Unter anderem kam die dänische Hauptstadt wegen ihrer hervorragenden Verkehrsinfrastruktur unter die Top Ten. Kopenhagen ist weltbekannt für seinen vorbildlichen Radverkehr: Die Radwege sind breit, die grüne Welle ist auf Fahrradgeschwindigkeit eingestellt, es gibt Radschnellwege und Fahrradbrücken. Das Rad gilt in Kopenhagen als Hauptverkehrsmittel, sein Anteil lag 2018 bei 49 Prozent der Berufswege. Andere Städte, die als besonders lebenswert gelten und auf hohe individuelle Mobilität ohne Auto setzen, sind WienZürich und Berlin. Laut der Studie „Mobility Futures“ des Marktforschungsinstituts Kantar liegt die deutsche Hauptstadt an der Spitze seines weltweiten Städtemobilitätsindex. Berlin weist im internationalen Vergleich ein sehr dichtes Haltestellennetz, günstige Preise für den Nahverkehr und eine grundsätzlich gute Möglichkeit auf sich fortzubewegen.


6. In ländlichen Räumen kann die Abhängigkeit vom Auto verringert werden

Viele Menschen in ländlichen Gebieten sind auf ein eigenes Auto angewiesen. Die Abhängigkeit vom Auto kann jedoch durch eine Ausbau-Offensive der Bus-und Bahnanbindungen deutlich verringert werden. In der Schweiz beispielsweise gibt es Öffentlichen Personenverkehr flächendeckend. Es gelten dort Mindest-Bedienstandards: In und aus allen Orten, in denen mindestens 300 Personen wohnen und die nicht an den regionalen Schienenverkehr angebunden sind, müssen zwölfmal am Tag den Bus nehmen. In abgelegenen, dünn besiedelten Gebieten ohne Linienverkehr verkehren Rufbusse. Kein Wunder, dass in der Schweiz deutlich mehr Wege mit den Öffentlichen zurückgelegt werden als in Deutschland und deutlich weniger mit dem Auto. Auch hierzulande ist eine regionale Mobilitätsgarantie denkbar, die allen Menschen ein regelmäßiges und verlässliches Nahverkehrsangebot bietet. Zudem bringen durchgehend sichere Überlandwege für Fahrräder und Kleinst-Elektromobile vielen Menschen eine stark verbesserte Mobilität.


7. Homeoffice und digitale Geschäftsabläufe helfen Verkehr zu vermeiden

Die Digitalisierung ist von entscheidender Bedeutung, um den Verkehr zu verringern sowie das Klima und die Gesundheit der Menschen zu schützen. Würden zehn Prozent der Erwerbstätigen hierzulande einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten, könnten rund 4,5 Milliarden Kilometer Pendelstrecke und etwa 850.000 Tonnen CO2 jährlich eingespart werden. IT-Unternehmen wie SAP oder Microsoft ermöglichen ihren Mitarbeiter/innen mobiles Arbeiten bereits in großem Umfang. Auch können Videokonferenzen viele Geschäftsreisen ersetzen. Und wer mit dem Auto unterwegs sein muss, dem zeigen Apps freie Parkplätze auf. So vermindert die Digitalisierung auch die teure und umweltschädliche Parkplatzsuche, mit der Autofahrer in deutschen Städten jährlich 41 Stunden verbringen. Die Corona-Pandemie hat digitalen Geschäftsabläufen und dem Homeoffice einen großen Schub gegeben. Es wird sich zeigen, ob dies nachhaltig zu weniger Pendelverkehr und Geschäftsreisen führt.


8. Smart Phone oder Führerschein? Smart Phone!

Die Anzahl der jungen Menschen ohne Führerschein wächst. Das Auto verliert seine Funktion als Statussymbol. Wichtiger als ein Auto ist heute ein Handy, als Schlüssel zu Mobilität und wohl auch als Statussymbol. Mittlerweile haben acht von zehn Menschen in Deutschland ein Smartphone. Beim Car- und Bikesharing, also bei der Kurzmiete von Autos und Fahrrädern, erfüllen Handys eine buchstäbliche Schlüsselfunktion, denn damit wird das Fahrzeug aufgeschlossen. Ride-Pooling-Dienste wie Clevershuttle (bei denen ein Algorithmus Fahrgemeinschaften zusammenstellt) oder Anbieter wie Uber werden ausschließlich per App bestellt und bezahlt. Auch im öffentlichen Personenverkehr sind Handytickets nicht mehr wegzudenken. Fast jeder Verkehrsverbund bietet inzwischen mobile Fahrplanauskünfte und Bezahlmöglichkeiten an. Die Verkehrsverbünde in Göttingen und Halle setzen seit kurzem auf die App „Fairtiq“, mit der die Abbuchung des Fahrpreises auf Basis der Luftlinie und per GPS-Ortung automatisch erfolgt.


9. Wer kombiniert, spart Geld und Nerven

Ob Berlin, Augsburg oder Helsinki: Immer mehr Städte bauen ihr Verkehrssystem so aus, dass für jedes individuelle Mobilitätsbedürfnis die richtigen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Dabei wird eine attraktive Bus-, Bahn- und Radverkehrsinfrastruktur mit Mietangeboten für Fahrräder, E-Autos, E-Roller oder „Ridesharing“-Dienste – das sind Mitfahrgemeinschaften – kombiniert. Pendler gelangen mit der S-Bahn in die Stadt und leihen sich für die letzte Wegstrecke ein Rad. Für Wochenendeinkäufe steht ein E-Mietwagen bereit, abends nach der Familienfeier ein Shuttledienst. Werden auf einem Weg verschiedene Verkehrsmittel kombiniert, spricht man von „Intermodalität“. „Multimodalität“ bezeichnet die Verwendung unterschiedlicher Verkehrsmittel auf verschiedenen Wegen. Ein multi- und intermodales Mobilitätsangebot sollte leicht bedienbar sein, so wie in Helsinki: Dort führt die App „Whim“ Transportmittel vom Mietfahrrad über das Taxi bis zur Metro zusammen. Für sechzig Euro gibt es ein entsprechendes Monats-Abo. Zum Vergleich: Ein eigenes Auto in Deutschland kostet 400 bis 700 Euro monatlich.


10. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist das Rückgrat nachhaltiger Mobilität

Ein guter Umweltverbund zeichnet sich dadurch aus, dass es saubere Haltestellen und Bahnhöfe, gut ausgebaute Radwege und barrierefreie Fußwege gibt. Die unterschiedlichen Verkehrsmittel müssen leicht zu erreichen und miteinander kombinierbar sein. Bei einer Umfrage im Jahr 2018 gaben 41 Prozent der Befragten in Deutschland an, bei besseren ÖPNV-Verbindungen innerstädtisch auf den Pkw verzichten zu wollen. Eine kürzere Taktung war für 31 Prozent eine Voraussetzung dafür. Die meisten, nämlich 54 Prozent der Befragten, gaben an, bei kostenlosen Fahrscheinen auf ihr Auto zu verzichten. Beispiele aus dem Ausland zeigen jedoch, dass ein kostenloser Nahverkehr allein den Autoverkehr nicht reduziert. Die Corona-Pandemie hat den ÖPNV stark getroffen. Er ist und bleibt aber alternativlos, um klimaschonende Mobilität zu ermöglichen. Die öffentlichen Verkehrsunternehmen brauchen finanzielle Unterstützung, um gestiegenen Hygiene- und Abstandsgeboten gerecht werden zu können.

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